Gesundheitsförderung

Arbeiten 4.0 sicher und gesund gestalten

11. Fachtagung Arbeits- und Gesundheitsschutz

Arbeiten 4.0 sicher und gesund gestalten

Arbeiten 4.0 ver.di Arbeiten 4.0

Lübeck 06.11.2016 | Unter dem Motto „Arbeiten 4.0 sicher und gesund gestalten“ fand die 11. Fachtagung zum Arbeits- und Gesundheitsschutz von ver.di Nord in diesem Sommer im Ostseebad Damp statt. Im Mittelpunkt der Fachtagung standen aktuelle Themen der Digitalisierung, wie z.B. die ständige Erreichbarkeit der Beschäftigten und die zunehmende Entgrenzung der Arbeit.

Durch die Digitalisierung 4.0 veränderte Arbeitsprozesse sind heute in der Produktion und im Dienstleistungsbereich bereits deutlich zu spüren. Das Cloudworking und Crowdsourcing stehen beispielhaft für ein verändertes Tätig sein, zunehmend prekär und immer häufiger ohne klassische Betriebsstrukturen. Supermärkte setzen zunehmend auf Selbst-Scan-Kassen, die Mitarbeiter helfen nur noch bei Schwierigkeiten weiter. Wurden früher einzelne Arbeitsprozesse automatisiert, sollen heute die gesamte Produktion und die mit der Produktion verbundenen Dienstleistungen miteinander verknüpft werden. Einige Wissenschaftler sehen den Menschen zukünftig nur noch als Überwacher, entbunden von allen beschwerlichen und gefährlichen Tätigkeiten. Sie verbinden damit Freiräume für anspruchsvolle Tätigkeiten. Andere sagen eine De-Qualifizierung vieler Teile der Beschäftigten voraus.

Aus Sicht des Arbeitsschutzes beinhaltet die Digitalisierung vielfältige Auswirkungen auf die Sicherheit, Gesundheit und das Wohlbefinden von Beschäftigten. Denn der Digitale Wandel erfasst nicht nur die Produktion, sondern alle Bereiche der Wirtschaft, von der Entwicklung über die Planung bis hin zum Management. Digitalisierung macht mobil und flexibel und erlaubt nahezu unbegrenztes Arbeiten: am Arbeitsplatz, daheim ebenso wie unterwegs auf dem Weg zum Arbeitsplatz oder zum nächsten Termin. Innovative Fertigungstechniken und Arbeitsmethoden schaffen jedoch neue Unfallgefahren, beispielweise dort, wo Mensch und Roboter ohne Schutzzaun zusammenarbeiten oder wo immer mehr Bildschirme die Informationsflut erhöhen. Neue Verfahren generieren u.a. bislang unbekannte Gefahrstoffbelastungen, wie die Nanotechnologie. Zunehmende Vernetzung, ob von Produktionssystemen oder Arbeitsplätzen generell, erhöht das Risiko von Datenangriffen oder -manipulation. Digitalisierung verdrängt vielfach manuelle Tätigkeiten und begünstigt Bewegungsarmut, einseitige körperliche oder mentale Belastungen oder Kombinationen aus beidem. Digitale Medien und Arbeitsverfahren stellen wachsende Anforderungen an Qualifikationsinhalte und -methoden, aber auch an die Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Digitale Technologien schaffen schließlich völlig neue Formen der Arbeit, wie Crowd- und Clickworking, für die sich die Frage stellt, wie Prävention hier grundsätzlich wirksam werden kann.

Nach überwiegender Meinung der Arbeitsschutz-Experten in den unterschiedlichsten Institutionen der gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) bietet der digitale Wandel neben möglichen Risiken für die Beschäftigten jedoch auch ein großes Potenzial, Arbeit künftig sicherer, gesünder, flexibler und integrativer zu gestalten. Die Möglichkeiten reichen von intelligenter Sicherheitstechnik, neuen Mensch-Maschine-Schnittstellen und virtuellem Engineering über Datenbrillen und altersgerechte Assistenzsysteme bis zu digitalen Qualifikationshilfen. Das Institut der deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA) untersucht die gegenwärtigen Entwicklungen der Arbeits- und Bildungswelt in einer eigenen Arbeitsgruppe „Risikoobservation“. Ziel der Arbeitsgruppe ist es, Vorschläge für die praktische Präventionsarbeit von morgen zu entwickeln. In einer groß angelegten Online-Umfrage bei Aufsichtspersonen der Unfallversicherungsträger eruiert, welche Entwicklungen in der Arbeitswelt für die zukünftige Prävention eine besondere Rolle spielen. Aufgrund der Befragungsergebnisse zeichnen sich in Hinblick auf die Risikoschwere die folgenden drei vordringlichen Präventionsfelder ab:

  • Arbeitsverdichtung und längere Arbeitszeiten,
  • Zunehmender Anteil älterer Menschen im Arbeitsprozess,
  • Vernetzung, Erreichbarkeit, Kontrolle durch Computer und Informations- und Kommunikationstechnologien.

Von ver.di-Nord wurde den rund 80 Teilnehmerinnen der 11. Fachtagung zum Arbeits- und Gesundheitsschutz ein interessantes und informatives Veranstaltungsprogramm geboten. Neben dem fundierten Impulsreferat von Herta Däubler- Gmelin zeigte die Fachtagung auf, wie mit Tarifverträgen, Gefährdungsbeurteilungen, Betriebs- und Dienstvereinbarungen der ständigen Erreichbarkeit entgegengewirkt werden kann. Thematisch wurde die Tagung ergänzt durch einen Vortrag zum digitalen Arbeitsschutz und einem Beitrag der Initiative ‚Meine Zeit ist mein Leben‘. Abgerundet wird die Veranstaltung durch eine Lesung des Autors Christoph Koch. Die Fachtagung wurde von dem Arbeitsschutz-Experten Sascha Stockhausen kompetent moderiert.

Die Vorträge zur 11´ten Fachtagung Gesundheits- und Arbeitsschutz:

„Arbeit 4.0 – 24 Stunden unter Strom?“
Impulsvortrag zur ständigen Erreichbarkeit im Berufsleben und zur Entgrenzung der Arbeit
Prof. Dr. Herta Däubler-Gmelin | Rechtsanwältin, Bundesjustizministerin a.D.

Tarifvertrag und Betriebsvereinbarungen.
Erfahrungsbericht über Best Practice-Regelungen zum Thema Erreichbarkeit bei IBM
Wolfgang Zeiher, KBR-Vorsitzender IBM

„Bin mal nur eben online …“
Über Erfahrungen mit der praktischen Umsetzung von Betriebsvereinbarungen und Maßnahmen zum Thema Mobilität und Erreichbarkeit (auch in kleineren Betrieben und Dienststellen)

Dr. Manuela Maschke, Leiterin Archiv Betriebliche Vereinbarungen Hans-Böckler-Stiftung

„Wir brauchen einen Schutzhelm für den digitalen Arbeiter“
Über Verantwortungs-Ping-Pong, Revierstress und digitalen Arbeitsschutz
Sabria David, Slow Media Institut

Rechtliche Änderungen im Arbeits- und Gesundheitsschutz und was bedeutet dies für die betriebliche Praxis
Sascha Stockhausen, Arbeitsschutz und Betriebsorganisation | Fachkraft für Arbeitssicherheit

„Meine Zeit ist mein Leben“
Burnout-Prävention und Stressbewältigung
- Wie umgehen mit der indirekten Steuerung?
- Was tun gegen gesundheitliche Belastungen?

Stephan Siemens, Initiative „Meine Zeit ist mein Leben“

Die Broschüre mit den Fachvorträgen steht im Downloadbereich auf dieser Seite rechts zur Verfügung. Interessierte Kolleginnen und Kollegen, die weitere Informationen zur Fachtagung Arbeits- und Gesundheitsschutz zur Arbeit der ver.di-Nord Projektgruppe Gesundheitsförderung wünschen, wenden sich bitte an den ver.di-Sekretär Peter Junk, Tel: 0451/ 8100-811, email: peter.junk@verdi.de. (ha)