mti

Vom Nachbarn lernen

Internationale Arbeitstagung vom 22.09. bis 26.09.2014 in Vorupör | Jütland

Vom Nachbarn lernen

BGM H. Malterer BGM

Unter diesem Motto fand vom 22. bis 26. September 2014 in Vorupör, Dänemark, ein  Seminar mit Arbeitstagung des MTI Nord und der Arbeitsgruppe BGM  von ver.di Nord mit dänischen Gewerkschaftern der FOA (FAG OG Arbejde) statt. Es war das dritte Seminar in Dänemark, doch die Thematiken waren weiter gefasst als zuvor. Zwölf Kolleginnen und Kollegen aus dem unserem Landesbezirk nahmen an dem fünftägigen Bildungsseminar teil. Es  ging um die sozialen Strukturen in Dänemark im Vergleich zu denen in Deutschland, um Arbeits- und Gesundheitsschutz in den Betrieben, Arbeitsrecht, Altersrente und Altenpflege. Auch Umweltaspekte, besonders in Bezug auf Erhaltung schützenswerter Lebensräume in der jütländischen Natur wurden in Vorträgen und Diskussionen dargestellt.

Nach der Anreise am Vortag begann das Seminar am Montag, 22.09.2014, schon mit sehr frühem Aufstehen, denn auf dem Programm stand der Besuch der Fischauktion in Hanstholm und dem Besuch der dort liegenden Testanlage eines Wellenkraftwerkes. Mit dem dänischen Kollegen Johannes Refsgaard kamen insbesondere die Arbeitsbedingungen in der Fisch-Industrie bezüglich Raum-Arbeits-Temperatur, Zugluft und Unfallrisiken (z. B. durch sehr schnell fahrende Gabelstapler in der Auktionshalle) während der Auktion zur Sprache. Intelligente Lüftungstechnik mit einfachen Gewerbesacksäulen verhindert Zugluft. Betriebsräte, die mit Zugluft aus lüftungstechnischen Anlagen konfrontiert werden, können sich dies gute Beispiel gern ansehen und für den eigenen Betrieb übernehmen.

Über das Hanstholm-Klint, dem  Kliff nahe dem Hafen, berichtete Uwe Bohm vor Ort. Es ging um die Entstehung, Geschichte und die heutige Situation des Naturwunders. Danach vermittelte uns Holger Malterer im Seminarraum Grundlagen über das Thema „Lärm“ und die Gefahren, die vom Lärm, besonders am Arbeitsplatz, ausgehen. Das Einführungsreferat der Arbeitstagung widmete sich danach der Standortbestimmung des Arbeitsschutzes in Deutschland durch Holger Malterer.

Nachmittags wurde auf die vorhergehenden Seminare in Vorupör 2011 und Klappholttal 2013 zurück geblickt, und es wurden die damals gesetzten teilnehmerbezogenen Aufgaben angesprochen und deren Erledigung überprüft. Daraus entspann sich eine lebhafte Diskussion über den MTI Nord und des MTI BA sowie über die anstehenden Orga-Wahlen.

Am Dienstag, 23.09., wurden Berichte aus dem MTI-Landesbezirk Nord, aus Kiel und Mecklenburg-Vorpommern abgegeben, und ebenso aus dem MTI-Bundesausschuss. Uwe Bohm hielt einen Vortrag über „AIN und MTI in ver.di“, in dem besonders die Historie (wo kommen wir her?) und Zukunftsaussichten (wo wollen wir hin?) dargestellt wurden.  Als sehr wichtig wurden in der anschließenden Diskussion die demographischen, innerorganisatorischen, arbeitsstrukturellen und kommunikativen Aspekte dargestellt.  Am Nachmittag unternahmen wir eine Exkursion nach der Insel Mors im Limfjord, um uns am Hanklit (eine 60 m hohe Steilwand) die geologischen, stark gefalteten Schichtungen und die starken Erosionserscheinungen anzusehen und etliche der am Ufer freigespülten Gesteine, die mit der Eiszeit von Gletschern herangetragen wurden, genauer zu bestimmen. Weil das Kliff großenteils aus „Molererde“ besteht, könnte das Gelände für den Abbau der Mineralien interessant sein (ähnlich wie auf der Nachbarinsel Fur, wo Molererde für Katzenstreu (!) abgebaut wird).Glücklicherweise hat der Staat jedoch das Kliff und dahinter liegendes Land unter Schutz gestellt.

Pflege in Dänemark

Bei einem Besuch des Vestergaarden-Pflegeheimes am Vormittag des 24. 09. erhielten wir von der Teamleiterin Anita Jakobsen und einer Bewohnerin viele interessante Informationen. Bei 28 Bewohnern, deren gesundheitliche Konstitutionen sehr unterschiedlich sind (von Alzheimer Erkrankung  bis Hirnverletzung durch Unfall oder Schädigungen durch Drogenmissbrauch), besteht wochentags über eine Stärke von sechs Pflegern und in den Nächten einer Pflegekraft als Wache. Monatlich findet eine Versammlung aller Bewohner und Pflegekräfte statt, in der über alles gesprochen wird, was das Haus und die dortigen Lebensbedingungen betrifft. Dadurch wird ein tiefes gegenseitiges Vertrauen erzeugt, das sich sehr positiv auf die Stimmung im Hause auswirkt. Eine Prüfung/Kontrolle durch die Sozialversicherung  findet unangekündigt öfter statt, mitunter monatlich. Das Haus hat eine eigene Küche mit drei Beschäftigten sowie einen Hausmeister, der aber für mehrere Häuser zuständig ist. Allerdings gibt es auch in Dänemark aus Kostengründen Probleme mit dem Erhalt der Pflegeheime: In Nordjütland, Verwaltungsbezirk Thy, sollen bis Oktober 2015 von 34 Pflegeheimen 4 geschlossen werden, was einen Verlust von ca. 100 Arbeitsplätzen bedeutet (siehe hierzu auch die PPT-Präsentation von Holger Malterer).

Zum Mittagessen hielt Ute Quandt einen Vortrag über die Grundsätze des veganen Essens, denn sie hatte für uns alle ein leckeres veganes Gericht gekocht. Nachmittags war der Gewerkschaftssekretär der FOA, Günter Clausen, unser Referent, der uns über das Sozial- und Gesundheitswesen in Dänemark sehr lebhaft berichtete. Wir konnten Vergleiche ziehen zu den in Deutschland bestehenden Bedingungen. Allein der Umstand, dass über die Steuern in Dänemark die Gesundheits- und  generelle Altersvorsorge bestritten wird, weist Vorteile gegenüber unseren separaten Abgaben-Grundsätzen aus. Allerdings wurde nicht klar, welche Anteile der Steuern vom Staat für die eben genannten Felder ausgeben wird, weil es keine öffentlichen Zahlen gibt.

Über die Gewerkschaften wird die Arbeitslosenversicherung und eine zusätzliche Altersvorsorge auf freiwilliger Basis organisiert und darum ist der Organisationsgrad dort bei ca. 70 %, während er in Deutschland bei nur etwa 15% der Beschäftigten zu liegen scheint. Die Macht, die daraus den Gewerkschaften zuwächst, führt u. a. auch dazu, dass die Gewerkschaftsvertreter vor Ort in den Unternehmen „vertrauensvoll“ mit den Geschäftsleitungen verhandeln können, d. h. nicht jedoch grundsätzlich in „Freund – Feind – Positionen“. Betriebsräte sind in Dänemark nicht vorhanden, denn die Wahrnehmung der Interessen der AbeitnehmerInnen erfolgt durch einen sogenannten Tillidsman (Vertrauensmann). Allerdings gibt es auch (relativ selten nach Aussage von Günter Clausen) Schlichtungs- und  Arbeitsgerichtsverfahren, wenn auf betrieblicher Ebene keine Einigung zustande kommt.

Einen Arbeitsschutz-Ausschuss, wie wir ihn aufgrund gesetzlicher Forderung kennen, gibt es in Dänemark nicht und es war schwer zu verstehen, warum in Dänemark diese Aufgabe von nur einer Person der Betriebsleitung und einem Vertrauensmann wahrgenommen wird. Andererseits konnte der FOA-Sekretär nicht verstehen, warum wir nicht statt des Arbeitsschutz-Ausschusses „einfach so wie in Dänemark“ und weniger rigide verfahren. Er meinte, wir sollten es doch einfach versuchen, verstand aber nicht, dass gesetzesgeregelte Grundlagen in Deutschland nicht einfach unterlaufen werden können, ohne gerichtliche Klageverfahren zu bekommen. Am Donnerstag, 25. 09., waren wir in Thisted bei der FOA zu Gast. Der Sekretär Leif Vestbjerg-Nielsen illustrierte seinen Vortrag über die FOA, bevor wir dann mit ihm ein Interview über die Grundsätze der dänischen Gewerkschaft, ihren Aufgaben und ihren Bemühungen um Mitgliedererhalt und -hinzugewinn (Werbemethoden)  hatten. Wir erarbeiteten eine Liste aller Punkte, die wir als positive Beispiele, d. h. als das vom Nachbarn Gelernte mit nach Hause nehmen wollten. Zudem wurde ein  Arbeitsprogramm für 2015/ 2016  mit den Namen der dafür Verantwortlichen und Erledigungszeiträumen erstellt.  Nach dem Abendessen nahmen alle Teilnehmer das Angebot von Günter Clausen wahr, von ihm mehr über das Arbeitsrecht zu erfahren. Die Diskussion ging bis nach 21.00 Uhr.

Mit dem Freitag, 26.09., endete das Seminar nach der Zusammenfassung aller Ereignisse durch Holger Malterer und einem dänischen „Smörrebröd, bevor die Heimreise angetreten wurde. Vom Nachbarn lernen war nicht nur Titel, sondern ist auch Verpflichtung. Alle Teilnehmer sind gern bereit, die Erkenntnisse aus dem dänischem Gesundheitswesen und Erfahrungen aus den Besichtigungen in Pflegeheimen und dem Krankenhaus in Thisted allen ver.di-Gremien zu vermitteln, insbesondere im FB 3.  Die Kieler mit/BGM Gruppe wird am 18. November 2014 in Schwentinental diese Erfahrungen einem größerem Kreis vorstellen.

Interessierte Kolleginnen und Kollegen, die weitere Informationen zur Arbeit des mti-Landesausschusses und der Arbeitsgruppe BGM wünschen, wenden sich bitte an den ver.di-Sekretär Peter Junk, Tel: 0451/ 8100-811, email: peter.junk@verdi.de.

(Uwe Bohm)