Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee – Eine tickende Zeitbombe!

16.01.2023
Munitionsaltlasten

Berlin/Kiel. Intakte Meere sind maßgeblich für Klimaschutz und Biodiversität. - Schutz, Sicherheit und nachhaltige Nutzung der Ozeane sollen in Einklang gebracht werden, so lauten die Ziele im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung. Für das Sofortprogramm zur Bergung und Vernichtung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee werden im Jahr 2023 zusätzliche Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro bereitgestellt. Nach Ankündigung der Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) soll noch in diesem Jahr mit dem Bau einer Spezialplattform zur Bergung von alter Weltkriegsmunition begonnen werden.

In der deutschen Nord- und Ostsee lagern Altlasten von rund 1,6 Millionen Tonnen konventioneller Munition und etwa 5.000 Tonnen chemischer Kampfstoffe, die in den beiden Weltkriegen durch Militäroperationen oder danach durch Verklappung versenkt wurden. Diese gefährden Schiffsverkehr, Fischerei, Tourismus, Menschen an Stränden sowie die Meeresumwelt und behindern Offshore-Installationen und Seekabel-Verlegungen. Bei den Schadstoffbelastungen durch konventionelle Munition besteht das eigentliche Problem darin, dass die Metallhüllen der Munitionskörper – beispielsweis Bomben, Minenoder Granaten – mit der Zeit durchrosten und dabei die enthaltenen Schadstoffe in die Meeresumwelt freisetzen. Bei den Schadstoffen handelt es sich bei konventioneller Munition um sogenannte Sprengstoff-typische Verbindungen (STV) wie 2,4,6-Trinitrotoluol (TNT) und weitere Nitroaromaten, dazu Hexahydro-1,3,5-trinitro-1,3,5-triazin(RDX) oder Octahydro-1,3,5,7-tetranitro-1,3,5,7-tetrazocine (HMX). Insbesondere TNT und seine ⁠Metaboliten⁠ sind als Nitroaromaten giftig, krebserzeugend und zudem erbgutverändernd. Neben den Sprengstoff-typischen Verbindungen enthält die konventionelle Munition auch Schwermetalle wie Quecksilber. Auch Schwermetalle gelangen nach dem Wegrosten der Metallhüllen in die Meeresumwelt, so das Umweltbundsamt (UBA).

Schadstoffbelastung und Unfälle mit chemischen Kampfstoffen

Bei der Schadstoffbelastung durch chemische Munition ist bekannt, dass in der Ostsee deutlich mehr chemische Munition (rund 5.000 Tonnen) versenkt wurde als in der Nordsee (etwa 90 Tonnen im „Helgoländer Loch“). Chemische Kampfstoffe sind militärisch genutzte chemische Verbindungen, die die physiologischen Funktionen des menschlichen Organismus dermaßen stören, dass die Kampffähigkeit der Soldaten beeinträchtigt oder sogar der Tod herbeigeführt wird. Sie wurden im Ersten Weltkrieg eingesetzt, im Zweiten Weltkrieg nur produziert. An Substanzen wurden im Wesentlichen die folgenden Stoffe eingesetzt: Überwiegend S-Lost (Hautkampfstoff), Tabun (Nervenkampfstoff), Phosgen (Lungenkampfstoff), Chloracetophen (Augenreizstoff) sowie Clark I, Clark II, Adamsit und Arsinöl (Nasen- und Rachenreizstoffe), so das Bundeswehr-Journal (11/2022).

Mit Ausnahme von Tabun sind alle genannten Kampfstoffe schwerer als Meerwasser oder zersetzen sich im Wasser. Versenkter Kampfstoff zeigt in der Regel keine Tendenz, an die Meeresoberfläche aufzusteigen und dort verdriftet zu werden. Bei der Reaktion der Kampfstoffe mit Wasser durch Hydrolyse entstehen weniger toxische Stoffe. Ausnahmen stellen Zäh-Lost (⁠Mischung⁠ von S-Lost mit Verdickungs-mittel) und arsenhaltige Verbindungen dar. Zäh-Lost (und in geringerem Maße auch normales S-Lost) kann auch längere Zeit nach Freisetzung aus Munitionsbehältern in Form von mehr oder weniger großen, elastischen Brocken auftreten und noch seine volle Wirksamkeit als Hautkampfstoff entfalten. Die arsenhaltigen Verbindungen Clark I, Clark II und Adamsit können aufgrund ihrer Beständigkeit auch längerfristig im marinen Milieu existieren und insbesondere im Sediment lokal in höheren Konzentrationen verbleiben. Weißer Phosphorfand als Wirkmittel in bestimmter Brandmunition Verwendung (beispielsweise Phosphor-Brandbomben). Er stellt eine Modifikation des elementaren Phosphors dar und entzündet sich bei 20 bis 40 Grad Celsius mit Sauerstoff von selbst und brennt mit bis zu 1300 Grad Celsius.

Die meisten der bisher bekannten Unfälle mit Kampfstoffen wurden durch Zäh-Lost rundum das Versenkungsgebiet östlich der dänischen Ostseeinsel Bornholm verursacht, wobei Klumpen von Zäh-Lost in Fischernetze gerieten. Darüber hinaus werden regelmäßig Brocken von weißem Phosphor, die wie Bernstein aussehen, an deutsche Strände gespült, insbesondere bei Usedom, wo mehr als 1,2 Tonnen durch Fehlwürfe von Brandbomben ins Meer gelangten. Hier weisen Warntafeln die Urlauberauf die Gefahren hin. Durch Verwechslungen mit Bernstein können Unfälle durch Strandfunde von weißem Phosphor eher an den Ostseestränden als an der Nordsee auftreten, warnt das Bundeswehr-Journal (11/2022).

Munitionsaltlasten systematisch schnell und vollständig beseitigen

Die mti-Kolleg:innen in den ver.di-Bezirken Nordwest und Kiel-Plön haben sich seit Längerem mit der Bergung von Munitionsaltlasten befasst und hierzu erforderliche Maßnahmen benannt. Die Minenräumung ist bisher nicht umweltschonend und nur punktuell durch „Handarbeit“ möglich. Durch Sprengungen werden Meereslebewesen (z. B. Fische und streng geschützte Schweinswale getötet) und die Freisetzung von Sprengungsrückständen führt zur weiteren Verteilung und Gefährdung im Meer. Viele kleinere Firmen erledigen bisher die Räumungsarbeiten für die Kampfmittelräum-Dienste ohne dass eine systematische Erfassung und Evaluation der Maßnahmen erfolgt. Es gibt heute bereits modernere Technologien für die Bergung und Beseitigung der Kriegshinterlassenschaften als die gängige Vorgehensweise!

Aktuell gibt es verschiedene Netzwerke mit Beteiligten aus Politik, Behörden, Forschungseinrichtungen, Unternehmen, NGO´s, die sich um diese technischen Aspekte von Altmunition im Meer kümmern. Das Netzwerk Munitect (Kiel, Rostock) unterstützt z.B. den Transfer von Technologie zu Detektion und Räumung in die unternehmerische Praxis, beispielsweise durch die Initiierung angewandter Forschungsprojekte. Die Zeit drängt und es müssen zeitnah entsprechende Aufträge an qualifizierte heimische Werft-Unternehmen in der Küstenregion vergeben werden! Trotz der Budget-Erhöhung im Munitionsaltlasten-Sofortprogramm bleibt es abzuwarten, inwieweit die restlichen Finanzmittel für den Bau der Spezialplattform durch Bund und Länder noch in diesem Jahr zur Verfügung gestellt werden, so die Kritik der mti-Kolleg:innen aus den betroffenen ver.di-Bezirken.

Interessierte Kolleginnen und Kollegen, die weitere Informationen zur Arbeit des mti-Landesbezirksausschusses wünschen, wenden sich bitte an den ver.di-Sekretär Peter Junk, Tel: 0451/ 8100-811, email: peter.junk@verdi.de (ha).